Manche Predigten brauchen lange. Ein “schwanger gehen” mit dem Text. Die Auseinandersetzung mit den teils sperrigen Worten. Ein sich annähern.
Die Predigt für heute war wieder so eine. Ich habe gestern den ganzen Tag gebraucht. Bin immer wieder an den Text gegangen, habe dann mal was ganz anderes gemacht.
Zuletzt hat auch noch der Computer gesponnen. (Danke an Mr. Marks für seine Telefonberatung- ist wieder alles ok!!)
Umso schöner ist es dann, wenn man als Predigerin Rückmeldung bekommt. Dass die Predigt die Menschen ansprach. Es geht nicht ums Schulterklopfen. Es geht eher darum, ob das, was mir am Text wichtig wurde, auch genau so bei anderen ankam.
Worte, liebe Gemeinde, haben große Macht. Je nachdem, was gesagt wird, können Worte ermutigen und Hoffnung machen. Sie können herausfordern, die berühmten drei Worte sind ein Liebesbeweis.
Doch Worte können auch verletzen. Ein falsches Wort im falschen Moment kann unser Leben über Jahre hinweg prägen und bleibende Wunden auf unserer Seele hinterlassen.
Als Christinnen und Christen verlassen wir uns auch auf Worte. Auf die Worte der Bibel. Auf Worte, in denen Gottes Geschichte mit uns Menschen zur Sprache kommt. Auf Worte, die Menschen über Jahrtausende Halt und Orientierung gegeben haben.
Auch der unbekannte Verfasser unseres Predigttextes für heute aus dem Hebräerbrief erkannte dies. Er vertraute auf die Kraft der Worte, die Worte der Thora, der Propheten und den Geschichtsbüchern, wie die hebräische Bibel aufgeteilt ist.
Hören Sie selbst, was er im 4. Kapitel zu sagen hat:
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
Diese Worte, liebe Gemeinde, mögen beim ersten Hören merkwürdig anmuten. Vielleicht auch verstören. Schließlich ist da das Wort Gottes in ziemlich martialischen Bildern geschildert. Es wird mit einem zweischneidigen Schwert verglichen, das die Seele des Menschen scheidet, das bis in unser innerstes vordringt.
Doch diese zwei kurzen Verse dürfen nicht ohne ihren Zusammenhang gelesen werden, in dem sie stehen. Das einleitende Wörtchen „denn“ weist darauf hin, dass diese Worte etwas begründen.
Unser Predigttext ist ein Midrasch, ein jüdisches Lehrstück, eine Auslegung zu zwei Versen aus Psalm 95: „Heute wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“. (Das haben wir ja vorher schon als Wochenspruch gehört!) Der Verfasser legt diese Verse, ab Kapitel 3,7 des Hebräerbriefes, ganz in der jüdischen Tradition stehend, nach allen Regeln der Kunst aus. Unser Predigttext ist sozusagen eine Zusammenfassung seiner Auslegung des Psalmwortes.
Es geht also um das Hören des Wortes. Der Verfasser des Predigttextes nennt fünf Eigenschaften des Wortes Gottes.
- es ist lebendig: Unsere ganze jüdisch- christliche Überlieferung basiert auf dem lebenschaffenden „es werde“ Gottes am Anfang der Welt. Gottes Wort rief die Welt ins Leben, die er täglich durch seine Güte erhält. Gottes Wort wurde Fleisch, wurde Mensch in Jesus Christus, wie es der Prolog des Johannesevangeliums überliefert.
- Und wirksam: Das Wort Gottes ist kein Wort, das informiert. Das Nachrichten übermittelt. Das Wort Gottes geschieht. Es greift in das Leben der Welt ein, es verändert die Welt und uns Menschen. In der Schriftlesung haben wir gehört, dass das Wort Gottes nicht leer und wirkungslos zurückkehrt. Das Wort Jesu berührt Menschen, ruft sie in seine Nachfolge. Das Wort Jesu heilt Menschen und schenkt ihnen Würde.
- Und schärfer als jedes zweischneidige Schwert: Dieser Vergleich mag uns moderne Menschen verstören. Doch in der Bibel finden sich immer wieder solche Vorstellungen. Gott möge das richterliche Schwert gegen die Feinde führen. Gott wohlgemerkt, nicht die Menschen selbst. Und in der rabbinischen Überlieferung gilt die Thora als zweischneidiges Schwert. Die eine Seite ist die schriftliche Thora, wie sie Mose am Berg Sinai gegben wurde. Die andere Seite ist die mündliche Thora, die immer fortschreitende Auslegung der 613 Ge- und Verbote im Judentum. Wie auch immer: Ein zweischneidiges, scharfes Schwert macht eine klaren, glatten Schnitt. Eine klare Trennung, Offenlegung und Unterscheidung. Vielleicht würden wir moderne Menschen eher das Bild eines Skalpells wählen.
- Und durchdringend bis zur Spaltung von Seele und Geist, Gelenk und Mark: der verstörende Vergleich des Schwertes wird weitergeführt. Es geht in unser innerstes, ans Eingemachte. Vielleicht könnten wir mit einem ganz und gar unblutigen Röntgenbild heute mehr anfangen. Etwas, das offenlegt, was mit bloßem Auge gar nicht zu erkennen ist.
- Und richtend die Erwägungen und Gedanken des Herzens: in der jüdischen Tradition war das Herz der Sitz des Verstandes, der Erkenntnis. Es gilt als das Entscheidungszentrum des Menschen.
Die Vorstellung, liebe Gemeinde, dass Gottes Wort unser innerstes erkennt und richtet mag bedrohlich klingen. Gott als kleinlicher Richter, der gut und böse akribisch unterscheidet. Der jedes noch so kleine Vergehen notiert und dann am Ende zwischen Top oder Flop bis in alle Ewigkeit entscheidet. Irreversibel.
Das eben das ist nicht gemeint.
Wohl sagt der Verfasser des Hebräerbriefes, dass vor Gott nichts verborgen bleibt. Doch er führt diesen Gedanken in den Versen 14-16 weiter. Dort, unmittelbar nach unserem Predigttext, verweist der auf die Gnade Gottes und auf Christus als denjenigen, der den Himmel durchbrochen hat. Der Mensch wurde.
Wenn hier also der Begriff des Richtens gewählt wird, so ist damit eher an ein „zurechtrücken“ gedacht. Als ein Ausrichten an einem Orientierungspunkt. An eine ausgleichende Funktion, die zum Leben befähigen und helfen will.
Deshalb ist unser Predigttext mit seinem so befremdlichen Vergleich auch eine Herausforderung und Aufforderung. An die Menschen damals und an uns heute.
Schließlich gilt der Midrasch, die Auslegung, die der Predigttext darstellt, dem Vers aus Psalm 95: „Heute wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ Das ist ganz klar auf die Gegenwart bezogen. Auf uns. Das Wort Gottes- wie wohl es schon vor Ewigkeiten gesprochen wurde gilt uns. Hier und heute. Es hat etwas mit unserem Leben zu tun. Es ist aktuell, manchmal scharf, auf jeden Fall aber lebendig.
Es stellt sich die Frage, ob wir bereit sind, uns am Wort Gottes zu orientieren. Uns und unser Leben am Wort Gottes auszurichten. Unser Handeln am Vorbild Jesu zu messen.
Sind wir bereit, dem Wort Gottes auch etwas zuzutrauen? Auf die Kraft des Heiligen Geistes zu vertrauen, die das Wort Gottes in unserem Alltag lebendig werden lässt. Können wir der Leben schaffenden Kraft des Wortes Gottes in unserem Alltag, in unserem Leben Platz einräumen? Um uns selbst anrühren zu lassen. Tief in unserem Inneren, mit unseren Sehnsüchten, Wünschen. Mit unseren Verletzungen und Schwachpunkten. Könnten wir dem Leben schaffenden Wort Gottes Vertrauen schenken, angesichts des Elends der Welt. Können wir angesichts von Krieg und Gewalt erkennen, wo heute Leben entsteht, wächst und blüht?
Vielleicht stellen wir uns angesichts dieser Herausforderung ja auch die Frage: „Was soll das alles?“ „Was bringt´s?“ Bin ich wirklich bereit, mich bis ins innerste anrühren, von Gottes Kraft durchdringen zu lassen?
Nun- es bringt die Erkenntnis unseres ganzen Lebens. Unserer ganz eigenen Lebensgeschichte. Die Erkenntnis dessen, was uns ausmacht, was uns geprägt hat, was uns durch Mark und Bein fährt, was Seele und Geist beeinflusst.
Das ist nicht immer nur schön. Manches wird schmerzlich sein, besonders, wenn wir uns in Frage stellen. Oder stellen lassen müssen.
Vielleicht ist es ja tröstlich zu wissen, dass Gott es ist, der uns durchschaut. Nicht unser Partner, schon gar nicht die Chefin. Auch nicht die Freunde oder die Verwandtschaft. Es ist Gott, der uns durchschaut. Nicht als anklagender Richter. Nicht als einer, der darauf aus ist, möglichst viele bisher verborgene Seiten, die Schattenseiten unseres Lebens ans Licht zu bringen. Nein Gott durchschaut uns als die Quelle unseres Lebens. Der uns auf sein Wort hin ins Leben gerufen hat. Gott, von dem wir in der Taufe zugesagt bekommen: „Du bist meine geliebte Tochter, Du bist mein geliebter Sohn.“ Der uns ohnehin kennt. Und uns nicht anklagt oder verdammt. Der uns liebevoll in die Arme schließt und uns auch zum wiederholten Male die Möglichkeit zum Neuanfang gibt.
Doch die Erkenntnis, der Gewinn, den wir daraus ziehen wenn wir uns vom Wort Gottes durchschneiden oder besser gesagt: durchleuchten lassen, das ist das wirkliche Leben. Das Leben in Fülle im Vertrauen auf Gottes Leben schaffendes und Leben erhaltendes Wort. Als Richtpunkt und Orientierung.
Damit auch unser leben lebendig, kräftig und schärfer wird.
Amen.