Dass ich als Pfarrerin, die (noch) einigermaßen jung ist und auch sonst nicht unbedingt ins Klischee passt (oder passen will) mal den einen oder anderen Kommentar über mein Aussehen, Figur, Kleidung etc abbekomme, damit habe ich mich mittlerweile abgefunden.
Nach beinahe fünf Jahren war ich bis heute auch der Meinung, dass ich so ziemlich alles an Kommentaren bezüglich meines Äußeren gehört habe, die es zu hören gibt.

Ich finde es nach wie vor unverschämt, wenn Leute meinen, sich über die Figur (auch wenn sie schlank ist) oder das Aussehen der Pfarrerin (oft noch in meiner Gegenwart) auslassen zu müssen.
Klar ist das positiv gemeint. Aber ich will schließlich gute Arbeit als Pfarrerin leisten und nicht über mein Äußeres bewertet werden.
Jaja, ich weiß, das Aussehen spielt bei Frauen leider immer eine größere Rolle als bei Männern.
Und Frauen in öffentlichen Funktionen und Ämtern scheinen es da besonders schwer zu haben.

Natürlich lege ich Wert auf gutes, gepflegtes Aussehen, weil es für mich eine Frage der Professionalität ist, dem Anlass angemessen gekleidet, frisiert und ggf. auch geschminkt zu sein.
In die Schule gehe ich anders als wenn ich bei einem offiziellen Anlass ein Grußwort im Namen der Kirchengemeinde sprechen muss.
Zu ersterem gerne die geliebte Jeans und (gebügeltes) T-Shirt. Zu letzterem aber auf jeden Fall Kostüm oder Hosenanzug.

Den allerschärfsten Kommentar habe ich heute Abend gehört.
Ich war bei der Verabschiedung meines Kollegen W. Im Namen des Kollegenkreises, von dem auch einige anwesend waren, incl. rk Kollege, sprach ich ein Grußwort und überreichte ein kleines Abschiedsgeschenk.

Beim anschließenden Stehempfang kam ein Mann, ca 60, auf meinen Kollegen D. und mich zu.
Er sagte, das Grußwort sei schön gewesen und ich sähe heute so „adrett“ aus.
Kollege D., der mit Komplimenten mir gegenüber sehr großzügig ist (der darf das, weil er auch meine Arbeit als Pfarrerin sieht und wertschätzt), meinte dann nur, ja, auf die Kollegin Kanzelschwalbe ließe er nichts kommen.
Daraufhin wieder dieser Mann: „also als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, da hatten Sie die Haare so offen und hätten dringend mal wieder zum Frieseur gemusst.“
*sprachlosbin*
Hallo? Geht´s noch?

Kollege D. rettete dann irgendwie die Situation, aber ich war völlig schockiert angesichts dieser Dreistigkeit des Mannes. Meinen männlichen Kollegen passiert so etwas in dieser Direktheit und Unverblümtheit sicher nicht.

Als der freundliche Komplimentemacher sich dann verabschiedete, konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen, dass ich ihm das nächste Mal Bescheid gäbe, falls ich wieder zum Friseur gehe. Ich dachte, damit würde ich ihm deutlich machen, dass er gewisse Grenzen überschritten hat.
Und was sagt der: Naja, damals hatten Sie´s ja auch wirklich nötig.
*völligentsetztbin*

Ich weiß es nicht, warum manche Menschen denken, sie könnten mich so direkt und unverblümt auf mein Aussehen ansprechen.
Ganz ehrlich- machen das die Leute auch bei den LehrerInnen ihrer Kinder, ihrem Arzt oder der Rechtsanwältin?
Wenn nicht- woher nehmen sie dann das Recht, dies bei der Pfarrerin zu tun?