Normalerweise sind für mich die Vorbereitungen der Predigten für den jeweiligen Sonntag Zeiten, in denen mich der Predigttext durch den Alltag begleitet. Mit dem Sonntag ist er jedoch meist „erledigt“.
Anders der Predigttext und das Gottesdienstthema des vergangenen Sonntages.
Ich wage es daher noch einmal, eine Predigt, eben jene vom verganenen Sonntag hier einzustellen.
Um sie ganz zu verstehen, muss man wissen, dass ich die Gemeinde nach dem Votum breit grinsend mit „Wir machen den Weg frei“ begrüßt habe (was auch einige Lacher hervorgerufen hat) und dass das das mehr oder weniger das Thema des Gottesdienstes war.
Wartezeiten, liebe Gemeinde, sind immer Zeiten der Ungeduld. Und Zeiten der Sehnsucht. Die alles bestimmende Frage lautet: Wann ist es endlich soweit? Wann kommt er oder sie? Wann ist der große Tag da?
Schon das kleinste Anzeichen des großen Ereignisses, auf das wir warten, hilft uns die quälende Zeit bis dahin zu überbrücken.
Kindern- kleineren und auch größeren- hilft in der Adventszeit der Adventskalender die Tage bis Weihnachten zu zählen und die Wartezeit zu überbrücken.
Aber auch in anderen Wartesituationen helfen uns schon kleine Vorboten oder Vorbotinnen des großen Ereignisses.
Bei der Deutschlandtour letzten Jahres, die ja auch durch Bad Liebenzell führte, kündigte der Werbetross das Kommen der Sportler an.
Am Bahnhof warten wir ungeduldig, ob der Zug, in dem die erwartete Person kommen soll, schon in Sicht ist.
In vergangenen Zeiten gab es in Europa an den Fürstenhöfen auch die Einrichtung eines Herolds. Er ging den Fürsten und Fürstinnen voraus und kündigte dem Volk das Kommen des Monarchen an. Meist selbst begleitet von einem Tross an Musikanten, Soldaten und sonstigen Gefolgsleuten.
Und wenn wir in der Geschichte noch weiter zurück gehen, entdecken wir, dass es auch in unserer jüdisch-christlichen Tradition die Funktion eines Herolds gibt.
Seit tausenden von Jahren wird nämlich in der jüdischen und christlichen Tradition geglaubt, dass der Messias auch einen Wegbereiter hat.
Oftmals wird dem Propheten Elia, der ja der Überlieferung nach nicht verstorben, sondern auf wunderbare Weise in den Himmel entrückt wurde, diese Rolle zugedacht. Noch heute kann man auf zahlreichen jüdischen Malereien den Propheten Elia als Wegbereiter des Messias bewundern.
Und in unserer christlichen Tradition kommt diese Rolle der Figur des Täufers Johannes zu. Denken Sie nur an das bekannte Bild des Isenheimer Altars, auf dem Johannes mit dem überdimensional langen Finger auf Christus verweist.
Und auch im Islam spielt Johannes der Täufer eine zentrale Rolle.
Ihm als Wegbereiter ist traditionell der dritte Adventssonntag gewidmet.
Im Vergleich zu anderen neutestamentlichen Gestalten erfahren wir sehr viel über ihn.
Er wird in allen vier Evangelien wie auch beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus erwähnt.
Er stammte aus einer jüdischen Priesterfamilie und war ein Zeitgenosse Jesu, ein halbes Jahr älter als Jesus. Auch über seine Geburt berichtet der Evangelist Lukas ausführlich.
Er trat als Weisheitslehrer auf, predigte im Stil der alten Propheten und taufte. Johannes rief zur Umkehr auf und kündigte das unmittelbare Kommen Gottes oder des Messias zum endzeitlichen Gericht an. Schon bald hatte er einen Kreis von Anhängerinnen und Anhängern um sich gesammelt. Doch die Evangelien berichten immer wieder, dass er stets auf das Kommen des Messias verwies.
Trotz allem muss sein Auftreten und seine Wirkung auf die Menschen dem damals herrschenden König Herodes Antipas gefährlich vorgekommen sein. Denn Herodes Antipas lies Johannes verhaften und ins Gefängnis werfen.
Später wurde er dann hingerichtet.
Vor diesem Hintergrund muss der heutige Predigttext verstanden werden, der im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums steht:
Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, dass er von dort weiterging, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen.
2 Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger
3 und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?
4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:
5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt;
6 und selig ist, wer durch mich nicht zur Sünde verleitet wird.
Das ist ganz und gar kein leichter Text, der uns da für den dritten Advent zugemutet wird. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Gemeinde. Für mich ist vor allem die Frage des Johannes noch im Ohr. Sie steht über dem ganzen Predigttext und fordert heraus.
„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“
Es ist eine verstörende Frage, deren Sinn sich beim ersten Hören nicht nicht wirklich erschließt. Denn Johannes hat doch selbst Jesus getauft. Hat auf ihn hingewiesen und gesagt: „Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ So berichtet es der Evangelist Markus und auch Matthäus und Lukas überliefern es ganz ähnlich.
Und dann diese Frage. Johannes scheint sich vergewissern zu wollen.
Ist derjenige, den ich getauft habe, den ich für den Messias gehalten habe, ist der es wirklich. Kann der die Welt erlösen? Und mich aus dem Gefängnis holen?
Lohnt es sich, noch zu hoffen. Lohnt es sich, auf diesen zu hoffen, lohnt es sich, überhaupt auf einen Messias, auf einen Erlöser zu hoffen?
Die Antwort gibt Jesus selbst. Doch er antwortet nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“, sondern hält seine Antwort offen: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:
5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“
Jesus stellt sich in die Tradition seiner Vorfahren und erinnert die Hörerinnen und Hörer, was von Alters her vom Messias erwartet wird. Er fasst die Messiashoffnungen zusammen. Ganz ähnliche wie die, die wir in der Schriftlesung vorher gehört haben.
Das Volk soll getröstet werden, die Knechtschaft Jerusalems, damit ist das babylonische Exil gemeint, soll ein Ende haben. Was krumm ist soll gerade werden.
Indem Jesus dies tut, hält er an den Verheißungen Gottes für Israel fest. Er hebt sie nicht auf, sondern bestätigt sie vielmehr.
Und er fordert seine Hörerinnen und Hörer auf, selbst genau hinzuschauen. Macht die Augen auf. Findet Ihr Eure Hoffnungen bestätigt, dann wird es wohl so sein.
Wenn nicht, wenn die alten Versprechen Gottes noch nicht in Erfüllung gegangen sind, dann müsst ihr noch weiter warten.
Somit gibt Jesus dem Täufer und vor allem seiner verstörenden Frage Recht. Es ist in Ordnung, nachzufragen ob es sich noch lohnt zu warten. Es ist völlig ok, immer wieder seine Zweifel auszusprechen, ob der Messias denn tatsächlich gekommen ist. Die Lage des Täufers war alles andere als erlöst, damals im Gefängnis. Und auch unsere Welt ist es noch nicht.
Auch für uns ist die Frage berechtigt, ob es sich noch zu hoffen lohnt.
Und manchmal müssen wir durch eine Frage aufgerüttelt werden, unseren Blick zu schärfen. So wie Jesus die Fragenden auffordert, hinzuschauen, ob die alten Verheißungen denn in Erfüllung gegangen sind.
Und dann ist da noch der merkwürdige Satz in der Antwort Jesu:
„selig ist, wer durch mich nicht zur Sünde verleitet wird.“
Jesus selbst weiß um den Anstoß, den sein Verhalten und seine Lehre seinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen bietet.
Er kommt in keine heile Welt, er kommt nicht zu den Starken, Schönen und Reichen. Er kommt zu denen, die am Rand der Gesellschaft stehen, die übersehen werden, die Hilfe an Seele und Leib brauchen. Er predigt Freiheit in einem Land, das von einer Weltmacht besetzt ist.
Das ist anstößig und provoziert- gerade die Mächtigen.
Und dennoch: Jesus preist diejenigen selig, bei uns sagt man eher glücklich, die über sein Verhalten nicht den Glauben an den Gott Israels verlieren. Denn Sünde ist nichts anderes, als von Gott getrennt zu leben. Glücklich sind also diejenigen, die die Anstößigkeit Jesu, sein provozierendes Verhalten den Mächtigen gegenüber, das Leiden, das Mit-leiden Jesu mit den Menschen aushalten. Und die trotz einer noch ganz und gar unerlösten Welt auf den Gott der Väter und Mütter vertrauen. Auf den Gott Abrahams und Sarahs, Marias und Jesu, der das Kommen des Messias verheißt.
Jesus preist diejenigen glücklich, die im Hinschauen und Mit-leiden selbst zu Wegbereiterinnen, zu Verkündigern des Messias werden.
Trotz allem: ein Beigeschmack scheint aus diesem Predigttext zu bleiben.
Ein Wegbereiter, der selbst zweifelt. Ein Wegbereiter, der sich seines Amtes und seiner Aufgabe selbst nicht sicher ist. Das ist mehr als merkwürdig.
Für uns Menschen heute ist das jedoch entlastend und wahrscheinlich auch tröstend zu hören. Denn auch wir sind Wegbereiterinnen, Hinweisgeber auf Christus. Auch heute ist es noch unsere Aufgabe, auf Jesus hinzuweisen, der für uns Christenmenschen der Messias ist. In dem sich für uns die Versprechen Gottes erfüllt haben.
Gerade in unserer lutherischen Tradition spielt das Priestertum aller Getauften eine zentrale Rolle. Wir alle haben die Aufgabe, auf Jesus hinzuweisen, von ihm zu erzählen und das Reich Gottes in unserer Welt spürbar werden zu lassen. Jede und jeder von uns ist dazu berufen. Auch- und da geht es uns wahrscheinlich manchmal wie Johannes- wenn wir selbst unserer Sache nicht immer sicher sind. Wenn wir gar nicht immer wissen, ob wir tatsächlich an diesen Jesus aus Nazareth glauben können. Wenn die Fragen mal wieder größer und zahlreicher sind als die Antworten.
Wenn wir das Gefühl haben, nicht kompetent, nicht gebildet genug zu sein. Wenn wir denken, andere könnten das viel besser, wenn wir uns einreden viel zu beschäftigt mit unseren Alltagsdingen zu sein.
Dabei braucht es keine großen Worte und auch keine großen Taten. Es kostet nichts. Schon vermeintlich kleine Gesten reichen um klare Hinweise auf den zu geben, dessen Ankunft wir im Advent so sehnlich erwarten.
Ich denke da an die Schulkinder aus X und Y, die letzte Woche bei Älteren Menschen in unseren beiden Orten Weihnachtslieder gesungen haben.
Da ging es nicht um eine musikalisch perfekte Darbietung. Es ging darum, anderen eine Freude zu machen. Und das ist den Kindern gelungen. Ich weiß von Menschen aus unserer Gemeinde, die Tränen in den Augen hatten, weil ein paar Kinder in Begleitung von ein paar Erwachsenen für SIE gesungen haben. Das ist für mich Advent. Mehr als alle Weihnachtsmärkte und Nikolausfeiern, die uns suggerieren, dass ohne diese kein Weihnachten wäre. Das sind für mich kleine Wegbereiter und Hinweisgeberinnen auf den, dessen Ankunft wir erwarten.
Den Kindern hat es selbst Freude gemacht, dass sie anderen eine Freude machen konnten. Ich weiß, einige der Kinder waren sehr beeindruckt von der Reaktion der älteren Menschen und der Wertschätzung dessen, was die Kinder getan haben.
Und das alles in zwei Stunden an einem Samstag Nachmittag.
Oder das Erlebnis einer Bekannten in der vergangenen Woche.
Sie lebt in Bremen, ihre Eltern in Berlin. Als einzige Tochter musste sie einen Familiennotfall managen und vieles aus der Entfernung heraus erledigen und regeln. Sie wusste oft nicht, wie sie es schaffen würde. Und dann schrieb sie mir und anderen auf einmal folgendes:
„Ich danke Gott, dass er einen Engel geschickt hat – einen Engel ohne Flügel, aber in Polizeiuniform!
Stellt Euch vor, nach all den Vorfällen mit meinen Eltern hat er sich zur Aufgabe gemacht, öfter bei den beiden Alten reinzuschauen – er bietet sich jederzeit zum Gespräch an, wenn Vater kurz vor dem Ausflippen ist.
Ein ganz normaler Streifenbeamter vom dortigen Revier!!!!! Ich fasse es nicht!“
Der Polizist wurde für meine Bekannte und deren Eltern zum Engel. Vielleicht wusste er selbst nicht, was er diesen Menschen da gutes tat. Was er mit seinem Tun bewirkte. Dass er zu einem Boten Gottes wurde, zum Wegbereiter und Hinweisgeber auf Christus, der daran erinnert, dass die Versprechen Gottes, bei denen zu sein, die in Not sind, gelten. Auch heute noch.
Wir brauchen solche Wegbereiterinnen und Wegbereiter. In unserem Alltag, mitten in unserem Leben. Und jede und jeder kann es für andere sein.
Damit andere sehen, dass die Verheißungen Gottes in Erfüllung gehen. So wie vor 2000 Jahren.
Da ist es auch nicht schlimm, wenn wir uns unserer Sache nicht immer sicher sind, so wie es Johannes der Täufer auch nicht immer war. Der auch gefragt hat. Wer ist das eigentlich, auf den wir warten?
Und der Antwort bekam.
Das sind die Zeichen wenn der Messias kommt:
„Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“.
Lassen Sie uns ans Werk gehen. Jede und jeder von uns. Wir alle können das. Als Wegbereiterinnen und Wegbereiter Gottes.
Denn auch das ist Advent. Und die Wartezeit wird für alle verkürzt.
Machen wir den Weg frei.
Amen