Das Berliner Volksbegehren Pro Reli ist gescheitert.
Schade eigentlich.
Denn spätestens seit den schrecklichen Ereignissen in Winnenden ist der Ruf nach Wertevermittlung wieder laut geworden.
Die Gesellschaft beklagt den zunehmenden Werteverfall.
Wo aber bekommen Kinder und Jugendliche noch Werte vorgelebt? Wo lernen sie etwas über Wertschätzung, Respekt anderen gegenüber? Wo bekommen sie ihren eigenen Selbstwert vermittelt?
Möglich, dass so etwas im Ethikunterricht an Schulen geleistet wird. Ich finde es wichtig, dass es so etwas an Schulen gibt.
Ich gebe zu, ich habe noch nie auch nur eine einzige Stunde am Ethikunterricht teilgenommen.
Aber eine Frage beschäftigt mich doch: wie können Werte weltanschaulich neutral vermittelt werden?
Geht so etwas überhaupt?
Was sind dann die Leitlinien für mein Handeln?
Was ist der Ethos, der meine Ethik bestimmt, um es mit dem Theologieprofessor Eilert Herms zu sagen?
Ganz wertneutral ist sowas auf keinen Fall. Wer etwas anderes behauptet, macht sich und anderen meiner Meinung nach etwas vor.
Ich beneide die Lehrerinnen und Lehrer, die Ethikunterricht erteilen (müssen?) wirklich nicht.
Was mich aber im Blick auf die Frage nach Religionsunterricht an Schulen viel mehr bewegt, ist die Frage, ob Kindern nicht etwas vorenthalten wird, wenn sie keine Möglichkeit haben, am konfessionellen Religionsunterricht teilzunehmen.
Ich höre zunehmend von Eltern, dass sie ihren Kindern die Möglichkeit geben möchten, sich selbst für oder gegen Glaube und Religion zu entscheiden. Diese Freiheit zu entscheiden gehört in der Tat zu einem Leben als mündiger Mensch.
Aber wie geht das, wenn die Kinder überhaupt nicht die Alternative kennen?
Wie kann ich etwas wählen, mich für etwas entscheiden, das ich nicht kenne? Ich kaufe doch nicht die Katze im Sack!
Viele Eltern sagen dies, weil sie selbst nicht (mehr?) religiös sprachfähig sind. Weil sie sich scheuen, mit ihren Kindern über Glauben, Gott und auch die damit verbundenen Zweifel zu reden.
Hier ist der Religionsunterricht eine Möglichkeit, Kindern religiöse Bildung und religiöse Sprachfähigkeit zu vermitteln.
Denn interessanterweise gibt es auch durchaus Eltern, die zwar selbst nicht einer Kirche angehören, aber gerade deshalb ihre Kinder in den Religionsunterricht schicken. Die haben etwas begriffen.
Schließlich geht es im Religionsunterricht nicht darum, dass Kinder etwas glauben müssen. Aber sie sollen lernen, worum es in der Religion, in ihrem Glauben geht. (Das gilt selbstverständlich auch für muslimischen und jüdischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die ich beide für dringend nötig erachte).
Kinder haben ein Recht auf religiöse Bildung. Sie haben ein Recht darauf, ihre Fragen nach Gott stellen zu dürfen und ehrliche Antworten darauf zu kriegen. Kinder haben ein Recht darauf, die Traditionen ihrer eigenen Kultur kennen zu lernen um so ihre Umwelt zu verstehen. (Ja, was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Warum haben wir an Pfingsten Ferien?) Und Kinder haben ein Recht darauf, zu lernen wie man mit dem religiösen Pluralismus in unserer Gesellschaft umgeht. Aber das geht nur, wenn man selbst einen eigenen Standpunkt hat, sonst wird man orientierungslos.
Ich meine, die Gesellschaft ist verpflichtet den nachfolgenden Generationen religiöse Bildung über die reine Wertedebatte hinaus zu vermitteln.
Zuallererst sollte das natürlich durch das Elternhaus geschehen, doch leider sehen sich viele Eltern dazu nicht mehr in der Lage oder ziehen sich mit einer falschen Vorstellung von Freiheit aus der Verantwortung.
Damit enthalten sie Ihren Kindern etwas vor, auf das sie ein Recht haben.
Ich halte konfesionellen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen daher für nötig- um der Kinder Willen.
Die Frage mag lauten „Pro Reli“.
Die Antwort ist auf jeden Fall „Pro Kinder!“
Ach ja- es überrascht mich nicht, dass konfessionelle Schulen einen so immensen Zulauf haben.
