Tod oder Ewigkeit- diese Frage stellt sich am heutigen Sonntag.
Feiern wir den Totensonntag, wo doch in den Kirchen der im vergangenen Kirchenjahr verstorbenen Gemeindeglieder gedacht wird?
Oder feiern wir den Ewigkeitssonntag?
Selbst der liturgische Kalender im Gesangbuch schlägt für ein- und den selben Sonntag zwei verschiedene Predigttexte und liturgische Ausgestaltungen vor.
Also- wat denn nu?
Ich finde, wenn wir Christenmenschen vom Tod reden, spielt immer der Gedanke der Ewigkeit mit. Schließlich glauben und hoffen wir, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern dass ein neues Leben bei Gott beginnt.
Vielleicht sagt genau deshalb Christoph Blumhardt, wir Christenmenschen seien Protestleute gegen den Tod.
Und da kommt die Ewigkeit in den Blick.
Dieser Dualismus zwischen Tod und Ewigkeit hat mich auch in meiner Predigt heute beschäftigt.
Ich erlaube mir, heute einmal die Predigt dazu einzustellen. Einfach deshalb, weil sich darin viel meiner Gedanken zu diesem Tag wiederspiegeln, der eine so ganz eigentümliche Stimmung mit sich bringt.
Predigttext war 2. Petrus 3, 8-13.
Die dazugehörige Schriftlesung war Jesaja 65, 17-25
Liebe Gemeinde!
Der heutige Sonntag ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Ewigkeitssonntag nennen wir ihn -oder Totensonntag. Beide Namen sagen aus, worum es heute geht.
Um das Gedenken an liebe Menschen, die im vergangenen Kirchenjahr oder auch schon vorher gestorben sind.
Und beim Erinnern kommt neben der Trauer, die oft so schmerzt, unweigerlich auch die eigene Sterblichkeit in den Blick, die wir doch sonst lieber verdrängen. Es geht um das Wissen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist- dass jedes Leben, auch unseres einmal zu Ende gehen wird.
Was uns Christenmenschen dabei tröstet, ist Hoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern dass es ein Leben bei Gott gibt.
Wie das aussieht, weiß niemand von uns. Und doch: Die Bibel spricht immer wieder davon. Es gibt ein Bild, das in der ganzen biblischen Tradition immer wieder für diese Hoffnung auf die zukünftige Welt steht. Es ist das Bild vom neuen Himmel und der neuen Erde. In der Schriftlesung haben wir davon gehört. Die Vision des Propheten, den wir Zweiter Jesaja nennen, die dann auch im Neuen Testament im Buch der Offenbarung unsere Bibel wie wir sie heute vorliegen haben, abschließt.
Hier kommt also die Ewigkeit in den Blick, das Leben in der Herrlichkeit Gottes, das kein Ende haben wird. Daher auch der Name Ewigkeitssonntag.
Und es wird damit gleichzeitig die Hoffnung ausgesprochen, dass der neue Himmel und die neue Erde doch bitte anbrechen sollen. Bald. Denn schließlich gibt es genügend Missstände auf der Welt, die besser heute als morgen ein Ende haben sollten.
Was bleibt ist jedoch die Frage nach dem Wann.
Wann wird das geschehen? Werden wir es noch erleben? Unsere Kinder?
Haben wir überhaupt Grund zu dieser Hoffnung?
Neu sind diese Fragen nicht- immer wieder gab und gibt es Menschen, die meinten das Ende der Welt berechnen zu können. Die meinen, sie würden Gottes Plan kennen.
Bisher waren alle diese Berechnungen falsch- nichts ist passiert.
Und doch- sie bleibt, die Frage nach dem Wann.
Und diese Frage bewegt nicht nur uns, sondern sie bewegte die Christen und Christinnen in der frühen Kirche viel mehr als uns heute. Die Menschen vor knapp 2000 Jahren haben fest damit gerechnet, dass das Anbrechen des neuen Himmels und der neuen Erde in allernächster Zukunft, noch zu ihren Lebzeiten geschehen würde.
Und ihr Weltbild hatte viel drastischere Vorstellungen von Gericht und Ende als wir moderne Menschen das heute haben.
Doch nachdem in der frühen Kirche, in der ersten Jahrzehnten, in denen Menschen begannen an Jesus als den Christus zu glauben, nichts passierte, da wurden die Apostel, die Gemeindeleiterinnen als Lügner und Betrüger, als falsche Propheten mit leeren Versprechungen angeklagt.
Wo bleibt den die Wiederkunft Christi, von der Ihr predigt? Oder sind das alles leere Versprechungen? Seid Ihr etwa auch so Wanderprediger, die den Menschen das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Warum sollen wir Euch da glauben?
Unser Predigttext ist genau in eine solche Situation hinein geschrieben worden.
Der zweite Petrusbrief gilt als einer der spätesten Briefe im neuen Testament- ein unbekannter Schreiber schreibt im Namen und im Stil des Simon Petrus.
Und er muss sich mit den Anfeindungen, mit dem beharrlichen Nachfragen der Gemeinde, wann denn Christus wiederkommen wird, auseinandersetzen.
Hören Sie selbst, liebe Gemeinde, was er dazu schreibt.
Ich lese den Predigttext aus dem 2. Petrusbrief, Kapitel 3 ab Vers 8:
Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,
12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, bin denen Gerechtigkeit wohnt.
Der Briefschreiber, liebe Gemeinde, macht den fragenden Menschen eines ganz klar:
Gottes Zeitrechnung ist nicht die unsere. Bei Gott ticken die Uhren anders als bei uns Menschen. Bei Gott gelten andere Dimensionen. Zeit ist ein sehr menschlicher Begriff, die in Jahren, Tagen, Stunden und Minuten messbare Zeit der Menschen passt nicht zur Ewigkeit Gottes. Deshalb ist es müßig über einen bestimmten Zeitpunkt der Wiederkunft Christi zu spekulieren. Gott lässt sich nicht unter Druck setzen.
Und das Warten, das was wir als Verzögerung empfinden, ist bei Gott klarer Plan. Es gehört sogar zur Erlösung dazu. Denn schließlich können wir Menschen die Zeit nutzen- es ist ja schließlich unsere Lebenszeit. In unserem Predigttext heißt es „dass jedermann zur Buße finde“. Das heißt nichts anderes, als dass uns die Chance zu einem Neuanfang gegeben ist. Die Chance, alte Verhaltensmuster hinter uns zu lassen. Neu anzufangen, dem Leben nachzuspüren, beflügelt und befreit von der vergebenden und versöhnenden Gnade Gottes.
Aber, da ist sich der Briefschreiber ganz sicher, der Tag der Wiederkunft Christi wird kommen. Wie er sich das vorstellt, beschreibt er in anschaulichen Bildern, die jede und jeder seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen verstand. Wie ein Dieb in der Nacht.
Unerwartet, leise, hählenge.
Und was dann passiert, das Weltende, das malt sich der Verfasser des 2. Petrusbriefes auch ganz deutlich aus. Er nutzt dabei das verbreitete, drastische Bild vom Weltende, wie es sich die Menschen der Antike vorgestellt haben. Dass die Erde bebt und der Himmel einstürzt. So stellten sich die Menschen sich damals vor. Asterixleserinnen und Asterixleser kennen die Angst der einstürzenden Himmel gut aus den Comics
Aber: Unser Predigtext fragt gar nicht nach dem Zeitpunkt des Welt-Endes. Er fragt nach etwas ganz anderem. Nach dem Beginn der Erlösung. Nicht nach dem Ende, sondern nach dem Anfang. Nach dem Anfang dessen, was der sogenannte Zweite Jesaja in seiner Vision beschrieb. Den neuen Himmel, die neue Erde. Den Ort des Friedens und der Freude.
Diese Vision hat die Menschen begleitet. Zu Zeiten der babylonischen Gefangenschaft, in der die Menschen auf die Rückkehr nach Israel und Jerusalem hofften.
Zu Zeiten Jesu, in denen die Menschen auf die Befreiung der römischen Besatzer hofften, zu Zeiten der frühen Kirche, in denen Christinnen und Christen oft angefeindet und verfolgt wurden und auf das baldige Kommen Jesu hofften.
Aber dass nicht nur die Menschen der Antike oder vergangener Zeiten auf den Beginn der Erlösung warteten, sondern auch wir, das wird in unserem Alltag deutlich.
Die Medien zeigen immer drastischer die Folgen der Klimakatastrophe auf und rufen zu schnellstem Handeln. Der weltweite Bakencrash und die damit verbundenen Folgen für die Weltwirtschaft, die auch früher oder später uns betreffen, zeigt die Brüchigkeit und Abhängigkeit des menschlichen Lebens auf. Die Gefahren der menschlichen Selbstüberschätzung werden mehr als deutlich sichtbar.
Was wir Menschen, damals wie heute, brauchen ist Heilung. Heilung an Leib und Seele. Dass unsere Tränen der Trauer und Enttäuschung getrocknet werden. Dass wir aus Phasen der Resignation und Einsamkeit wieder ins Leben zurückfinden.
Was wir brauchen, ist die Erfahrung der Gnade und Liebe Gottes, die uns die Umkehr, den Neubeginn ermöglicht.
Auch in den Umbruchsphasen unseres eigenen Lebens wissen wir nicht, wie viel Zeit wir brauchen. Wann so ein Umbruch geschieht. Wie viel Zeit jede und jeder braucht um mit der eigenen Lebensgeschichte versöhnt zu werden. Auch da warten wir oft ungeduldig auf Veränderung und nehmen oftmals nicht wahr, dass sie schon begonnen hat.
Was wir brauchen ist Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Das was in der Bibel als Reich Gottes beschrieben ist. Wohl gab und gibt es – Gott sei Dank- immer wieder Menschen auf der ganzen Welt, die sich unermüdlich und mit hohem persönlichen Engagement dafür einsetzen, dass ein Stück dieses Reiches Gottes schon jetzt sichtbar wird.
Doch wann es tatsächlich kommt wissen wir genauso wenig wie die Menschen vor 2000 Jahren.
Uns kann das Warten manchmal lang werden. Vielleicht sogar zu lange- besonders dann wenn wir leiden.
Aber wir dürfen uns von der Hoffnung auf Gottes Reich beflügeln lassen, wir dürfen jeden Tag neu hoffen und bitten
Maranatha- Herr, Jesus, komm!
Amen